Christine Djiman

Tagesmutter



Im Dialog mit Säuglingen und Kleinkindern:

Die Ideen von Emmi Pikler im Alltag der Tagespflege umsetzten





Emmi Pikler

Das Sich-Kennenlernen ist freilich gegenseitig.

Während wir das Kind kennenlernen,

beginnt auch das Kind uns kennenzulernen,

und zwar vor allem unsere Hände.

Die Hände bilden die erste Beziehung des Säuglings

mit der Welt (ausser dem Stillen).

Hände heben ihn auf, legen ihn hin,

waschen, kleiden, füttern ihn eventuell auch.

Welcher Unterschied:

Wie anders ist das Bild der Welt,

das sich für den Säugling offenbart,

wenn ruhige, geduldige, behutsame,

aber doch sichere und entschlossene Hände

mit ihm umgehen – und wie ganz verschieden

gestaltet sich die Welt,

wenn diese Hände ungeduldig, derb oder hastig,

unruhig und nervös sind.

Am Anfang bedeuten für den Säugling die Hände alles,

sie sind der Mensch, die Welt….Behandeln wir das Kind nie mechanisch.

Behandeln wir es nie wie einen leblosen Gegenstand,

wie klein es auch sein mag. Nehmen wir Rücksicht!

Emmi Pikler aus"Friedliche Babys – zufriedene Mütter"





Pädagogisches Konzept

Emmi Pikler (1902-1984),eine ungarische Ärztin, gründete 1945 in Budapest für Sozialwaisen ein Kinderheim. Ursprünglich war die Einrichtung für die Betreuung von Kinder gedacht, deren Mütter an Tuberkulose erkrankt waren. Dort entwickelte sie für die Kleinen, die in ihrem Heim, dem Lóczy, aufwuchsen, eine ausergewöhnliche Betreuungsqualität für frühkindlichen Pflege.

Durch jahrelange Erfahrung mit Säuglingen und Kleinkindern entwickelte Emmi Pikler ihre Grundsätze und verwirklichte sie in ihrem Institut. Viele dieser Kinder, die dort aufwuchsen, gründeten später selbst Familien und waren sozial integriert. Dass Hospitalismus keine zwangsläufige Begleiterscheinung von institutioneller Erziehung sein muss, war damit bewiesen.

Schon in den 30iger Jahren entdeckte Emmi Pikler, dass ein Kind, dem man dafür genügend Zeit lässt, sämtliche Bewegungsarten von allein herausfindet, entwickelt und übt .

Experten sind der weit verbreiteten Ansicht, Kinder bräuchten die Hilfe von Erwachsenen, um sitzen, gehen und stehen zu lernen. Im Emmi-Pikler-Institut wurde beobachtet, dass jedes Kind alle Bewegungsarten aus eigener Anstrengung erlernt und die eigenständige Bewegungsentwicklung durch die Unterstützungsangebote von Erwachsenen eher behindert wird.

Durch das Erproben der eigenen Kräfte und der Freude an der eigenen Leistung entwickelt sich echtes Selbstbewusstsein. Förderprogramme erzeugen beim Kind die Abhängigkeit vom Erwachsenen. Emmi Pikler war der Meinung, jedem Kind sollte die Zeit gelassen werden, die es braucht um zu lernen. Für Entwicklung ist das freie Spiel von zentraler Bedeutung. Das ungestörte Experimentieren, weckt immer wieder aufs Neue das Interesse des Kindes. Es entwickelt dadurch nicht nur seine motorischen Fähigkeiten, sondern gleichzeitig auch seine Selbstsicherheit. Kinder machen sich eigenständig ein Bild von ihrer Welt. Sie tun dies ohne Anleitung.

"Ein Kind, das durch selbstständige Experimente etwas erreicht, erwirbt ein ganz andersartiges Wissen, als eines, dem die Lösung fertig geboten wird."

Emmi Pikler aus "Friedliche Babys – zufriedene Mütter"



Die Bedeutung der Pflege

Säuglingspflege war für Emmi Pikler bereits Erziehung. Sowohl die körperlichen als auch die seelischen Bedürfnisse des Kindes werden durch die Pflege befriedigt . Ein wichtiges Grundprinzip Emmi Piklers war Pflege als Kommunikation. Es kam ihr darauf an, die alltäglichen Pflegehandlungen als zentral wichtig für Verständigung mit dem Kind und seiner Erziehung zu betrachten. Eltern oder Erzieherinnen sollten diese "Prozedur" nicht "so schnell wie möglich" hinter sich bringen, um sich dann dem "Eigendlichen", dem Spiel mit dem Kind zuzuwenden. Körperpflege und Nahrungsaufnahme sind Kommunikation. Klare räumliche und zeitliche Strukturen helfen dem Kind, sich in der Welt zu orientieren.

Pflege, zu der An- und Ausziehen, Wickeln und Füttern gehören, ist "als ständig nährende Quelle der Beziehung" in der Tagespflege von großer Bedeutung.

Um diesen Begegnungen eine möglichst hohe Qualität zu verleihen, bedarf es einer optimalen Vorbereitung. Es sollte alles an seinem Ort liegen, so dass man später nicht durch fehlende Utensilien von der eigentlichen Tätigkeit abgelengt wird. Die ganze Aufmerksamkeit sollte beim Kind sein. So ist es entspannt und lässt sich auf die Pflege ein.

Der richtige Moment ist wichtig! Ist das Kind in sein Spiel vertieft, lohnt es sich auf einen besseren Zeitpunkt zu warten. Bei einer Störungen würde es mit nörgeln und sich wehrend reagieren.

Mit genauer Beschreibung des Ablaufs der Tätigkeiten verschafft sich die pflegende Person das Vertrauen des Kindes. Durch das ruhige Abwarten bis das Kind bereit ist mitzuarbeiten, wird die Pflegesituation zu einer intensiven Interaktion.



Emmi Pikler im Alltag der Tagespflege

Einrichtung und Spielmaterial

Im Erdgeschoss meines Eigenheimes befinden sich ein großes Spielzimmer mit angrenzendem Schlafraum in dem sich mehrere Kinderbetten befinden, ein Spielflur, die Küche und das Badezimmer.

Das Spielzimmer ist mit einer Tischgruppe, Regalen mit altersgerechten Spielsachen und Büchern, einem Schrank mit Pflegeutensilien und Wechselkleidung, einem Schlafsofa, dem Wickeltisch und einer dicken, großen Matratze mit Kletterwand ausgestattet.

Den Kindern steht Spielzeug aus verschiedenen Materialien zur Verfügung. Mit den meisten Sachen können sie sich ohne Anleitung beschäftigten.

Die Mahlzeiten werden in der Küche am großen Tisch und der Eckbank eingenommen. Auch gemalt und gebastelt wird dort.

Vom Schlafraum aus gelangt man in den Garten mit einem Sandkasten und einer kleinen Wassertonne. Dort spielen die Kleinen so oft es das Wetter zulässt.